Finanzen
Medieneinmaleins – Journalistische Doppelmoral
Zur Wulff-Debatte hat sich schon jeder geäußert (auch die, die so viel von Politik verstehen, wie ich von Quantenphysik). Deswegen will ich auch garnichts mehr zu der Affaire schreiben, jeder normalintelligente Mensch hat sich schon seinen Teil gedacht. Viel mehr möchte ich drauf eingehen, was Journalisten dürfen und was nicht. Und eine Ziffer des Pressekodex (Richtlinie 15) besagt z.B., dass Pressevertreter keine Vergünstigungen annehmen dürfen…
Presserabatte werden trotzdem genutzt und gerne totgeschwiegen; und ein Herr Diekmann erlaubt sich sicherlich hin und wieder auch das, was Wulff vorgeworfen wird. Auch wenn der Pressekodex eine freiwillige Angelegenheit ist, die Tatsache dass Motorjournalisten kostenlose Autos fahren und Reisejournalisten unentgeltlich an den schönsten Ecken der Welt übernachten können, sollte doch zu denken geben. Schließlich ist die freie Presse das Scharnier einer freien Demokratie. Und wenn Politiker bestechlich sind, sollten dann die Kontrolleure nicht entgegenwirken?
Sind finanzielle Anreize für Journalisten ok?
Aber das bleibt eins der großen medienethischen Probleme: wer kontrolliert die Kontrolleure? Dieser Umstand ist nicht zuletzt in den letzten Krisenjahren deutlich geworden, sondern wird vom Presserat gerne übersehen. Das liegt wiederum daran, dass die einzige Instanz, die in der Lage wäre, die Kontrolleure zu kontrollieren, eben aus diesen besteht.
Ich glaube nicht, dass die Chefredakteure und die Verleger, die im Presserat sitzen, auf diese Art von Vergünstigungen verzichten würden. Bleibt nur noch abzuwarten, wann die Leser auf diese Umstände aufmerksam (gemacht) werden, wenn heute kaum einer den Unterschied zwischen redaktionellem Inhalt und Anzeige erkennt.
Ich bin für mehr Medienaufklärung in Schulen. Schließlich glauben immernoch mehr als die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen, scripted reality sei echt. Da wundert’s mich nicht, dass ein Pressetext oder reine Werbung (die zudem auch noch mangelhaft bis garnicht als solche gekennzeichnet werden) nicht von dem redaktionellen Teil unterschieden werden kann – denn das ist viel perfider, als das peinlich überzogene Kaspertheater auf den Privaten.
Artikelbild: berlin-pics / pixelio.de
Tagged Journalismus, Medienaufklärung, Medienethik, Presse, Pressekodex
Ähnliche Artikel:

Gary23. Januar 2012 at 20:22
Interessant ist auch die Beobachtung, dass die redaktionellen Journalisten vor einigen Monaten über VERDI einem Deal zugestimmt haben, dass ihre freiberuflichen Kollegen in Zukunft noch weniger Geld für ihre Arbeit bekommen (die inzwischen auf Hartz4-Niveau angekommen ist), damit sie selber etwas mehr bekommen. Tolle Demokraten.
Klara Himmel24. Januar 2012 at 06:38
Medienaufklärung … guter Ansatz, finde ich. Alles was dazu erzieht, selbst zu denken und sich das Leben nicht vorkauen zu lassen, kann man wirklich nur unterstützen. Nur wie setzt man das durch, wenn im Prinzip jeder in einer medialen Abhängigkeit steht?
YoLo4. Februar 2012 at 21:13
Klasse Artikel, der objektiv die Probleme behandelt, die auch gerade junge Menschen betreffen. Allerdings – auch wenn Du versuchst hast, die Wurzel des Übels zu benennen – liegt die Ursache im Endeffekt an der mangelhaften Moralvorstellung der Menschen. Beziehungsweise die Haltung gewisser Personen zur Moral. Und jeder sollte sich nun selbst fragen, ob er diese Rabatte und Vergünstigungen nicht auch angenommen hätte, wenn er in solchen Positionen wäre…
Merten18. Februar 2012 at 17:24
Ich meine, dass jeder der in den Genuss von Vergünstigungen kommen kann, diese auch “mitnimmt”. Das ist doch Normalität! Für meine Begriffe wird jeden Tag ein solches unmoralisches Angebot gemacht – Beipiel: Ein Händler verkauft Dir 10 Taschen und legt noch einen 10 EUR Tankgutschein oben drauf – Diese Praktiken sind mittlerweile salonfähig.
Rollo21. Februar 2012 at 15:26
Dein Artikel ist wirklich klasse. Aber seid mal ehrlich, würdet Ihr Vergünstigungen ausschlagen, wenn Ihr sie angeboten bekommt? Nein, wahrscheinlich nicht. Klar ist es ungerecht, dass nur gewisse Personen diese Vergünstigungen bekommen, aber was dagegen tun?????
Abbey Dawn12. März 2012 at 23:36
Die Doppelmoral wie Politiker auseinander genommen und viele andere in der Öffentlichkeit stehende Personen dann nicht belangt werden ist eine Schande.